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9 Tage Schweden

Von einer alten Freundschaft, Wind und Wellen und verlorener Zahnpasta


Vor einigen Monaten besuchte mich mein guter Schulfreund Tom mit ein paar anderen Freunden, um wie schon im vorangegangenen Jahr die Bunte Republik Neustadt, ein großes buntes Stadtfest in meiner Wahlheimat Dresden, zu zelebrieren. Wir hatten uns fast ein halbes Jahr lang nicht gesehen, trotzdem fühlte es sich an wie zu Schulzeiten, bloß ohne die nervigen Hausaufgaben und Schulstunden dazwischen. Wir verbrachten ein tolles Wochenende. Umso wehmütiger war der Abschied am Sonntag. Tom lebt in Köln, ich in Dresden, nahezu ganz Deutschland sollte für die nächste Zeit wieder zwischen uns liegen. Als Tom wenige Tage später vorschlug, zusammen in den Urlaub zu fahren, musste ich nicht lange überlegen und sagte zu. Die Vorstellung, dass das Wiedersehen mit Tom dieses Mal nicht ein halbes Jahr auf sich warten lassen sollte, war großartig und deshalb beschlossen wir, so schnell wie möglich eine Destination für unsere Reise zu finden.
Spätestens nachdem mir mein Vater von seinen Kanu-Touren auf der Donau erzählt hatte, war ich fasziniert von dem Gedanken, sich zu zweit auf dem Kanu auf Abenteuer in einer fremden Umgebung einzulassen. Zu meiner Freude teilte Tom diese Faszination und so beschlossen wir, dass unser Urlaub zu Wasser stattfinden sollte. Da unsere Paddel-Erfahrungen sich auf einige Meter auf Verra und Elbe beschränkten, suchte ich Rat im Internet. Schon das erste Suchergebnis hörte sich sehr gut an; der Veranstalter scandtrack bot Kanu- und Kajak-Touren in der schwedischen Provinz Värmland an. Das erste Angebot sollte nicht mehr übertroffen werden, wenige Tage später buchte ich also eine Reise nach Nordmarken im Värmland für zwei Personen. Die nun folgende Prüfungszeit verging langsamer als gewöhnlich, doch nach einem Monat, der sich eher wie zwei angefühlt hatte, traten wir endlich unseren Urlaub an. Unser Wiedersehen sollte allerdings noch um rund einen Tag verzögert werden; Tom nutzte die West-Route des scandtrack-Express von Köln nach Lennartsfors, ich reiste von Dresden aus an. Mein Bus erreichte das Ziel knappe zwei Stunden früher. Ich begann also bereits, unsere Ausrüstung, die uns von scandtrack zur Verfügung gestellt wurde, zurechtzulegen und meine Kleidung in die wasserdichten Seesäcke umzupacken, während Tom noch die Busfahrt genoss, die auf den hügeligen Landstraßen Schwedens eher einer Achterbahnfahrt glich. Als Tom endlich Lennartsfors erreichte, verringerte sich das Umpack-Tempo jedoch wesentlich. Wir hatten uns schon nach dem ersten Tag, der im Wesentlichen nur die Busfahrt umfasste, so viel zu erzählen, dass wir als eine der letzten Gruppen an diesem Tag in See stachen.
Auf dem Wasser waren wir erst einmal überwältigt von dem Anblick, der sich uns bot; vor uns Wasser, so weit das Auge reichte, rechts und links nahezu unberührte Natur. Nachdem wir uns fürs Erste daran sattgesehen hatten, begannen wir zu ermitteln, wie wir uns am schnellsten mit dem Boot fortbewegen konnten. Ich saß vorn, war also hauptsächlich für den Vortrieb zuständig, während Tom das Boot von hinten steuerte. Dieses Konzept gefiel uns und wir behielten es die meiste Zeit unseres Trips bei. Nachdem die meisten anderen Boote in verschiedenen Buchten oder hinter Inseln außer Sicht gelangt waren, fingen wir an, uns Gedanken um unseren ersten Schlafplatz zu machen. Von scandtrack hatten wir eine Karte erhalten, auf denen die vorbereiteten Lagerplätze eingezeichnet waren, aber auch das Erkunden neuer, eigener Nachtquartiere erschien uns reizvoll. So legten wir nach rund 90 Minuten das erste Mal an einer Insel an, die uns geeignet schien, zumindest für unsere erste Outdoor-Mahlzeit in Schweden. Doch leider schien die Insel auf den zweiten Blick steiniger und moosiger als gedacht. Zudem wäre es sehr mühsam gewesen, die gesamte Ausrüstung über die vielen rutschigen Steine am Ufer in das Inselinnere zu schleppen. Trotzdem entschieden wir, unsere schwere Essenstonne und die nur wenig leichtere Kiste mit Kochutensilien zu einem Ort auf der Insel zu tragen, der aus unserer Sicht eine akzeptable Outdoor-Küche abgab. Das erste Gericht, was wir mit Ethanol-Kocher und Seewasser zubereiten sollten, war Linseneintopf. Dieser gelang uns besser als erwartet, frisch gestärkt beschlossen wir, unsere karge Insel zu verlassen und zur Insel Bärön weiter zu paddeln, wo die Karte einen Lagerplatz versprach.
Wir erreichten Bärön gegen neun, die besten Plätze am Lagerplatz waren daher schon vergeben. Tom und ich stellten unser Zelt so weit wie möglich von unseren Nachbarn entfernt auf, da diese schon in ihren Schlafsäcken lagen. Am nächsten Morgen standen wir spät auf, sodass wir von zwei Kanuten „überrundet“ wurden, die auf Bärön anlegten, bevor wir bereit waren, unseren zweiten Tag auf dem See anzutreten. Dennoch brachen wir am frühen Nachmittag auf. Wir setzten unseren Kurs nach Norden fort. Der zweite Tag war geprägt durch leichten Rückenwind und durchwachsenes Wetter. Trotz einiger Regenschauer konnten wir einige Kilometer machen und durchquerten die Auto-Brücke westlich des Örtchens Sundby und betrachteten kurz die dortige Fischzucht-Anlage, bevor wir nach etwa drei Stunden Fahrt am Westufer nach einem Camp suchten, in dem wir unsere zweite Nacht verbringen wollten. Allerdings war dieses schon besetzt. Nichtsdestotrotz waren wir froh, hier kurz auf ein weiteres Team scandtrack-Reisende zu treffen, mit dem wir uns über unsere ersten Unternehmungen austauschen konnten. Die beiden hatten seit Sonntag schon deutlich mehr Strecke zurückgelegt als wir und waren schon auf dem Rückweg vom nördlichen Ende des Sees nahe der Stadt Töcksfors. Sie paddelten also weiter gegen den Wind gen Süden, während wir nach Nordosten aufbrachen, um einen anderen Lagerplatz zu erreichen. Dies gelang uns glücklicherweise deutlich vor Einbruch der Dämmerung. Auch dieser Platz war schon besetzt, bot aber genug Platz für drei Zweier-Teams. Neben zwei deutschen übernachtete hier auch ein Däne mit seiner Frau. Er half uns bei unserem ersten Versuch, ein Feuer zu machen, den wir aber leider aufgrund eines erneuten Regenschauers abbrechen mussten. Außerdem erzählte er uns, dass er mit seiner Frau schon seit den 1970er Jahren in diesem Gebiet Urlaub machen würde und gab uns weitere hilfreiche Tipps, was ihm unter Tom und mir den Spitznamen „Guru“ einbrachte. Am nächsten Morgen traten wir eine kleine Wanderung an, mit dem Ziel, eine auf der Karte eingezeichnete „Sehenswürdigkeit“ zu besichtigen. Wir verfehlten das Ziel jedoch bei Weitem und landeten stattdessen im nächsten Dorf namens Dusserud. Da wir auf dem Weg einige sehr nette Einheimische trafen und auf dem Rückweg dann sogar doch noch an der Sehenswürdigkeit – ein eher unspektakulärer alter Bauernhof – vorbeikamen, bereuten wir unseren Umweg nicht, obwohl wir wieder erst gegen Nachmittag von unserem Nachtquartier aufbrachen.
Wir orientierten uns nach Süden, was uns allerdings starken Gegenwind bescherte. Daher fiel die von uns zurückgelegte Strecke um einiges kürzer aus als an den Tagen zuvor. Wir erreichten lediglich die Brücke bei Sundby und gingen mit einem waghalsigen Manöver in stürmischer See zwischen vielen Steinen, die aus dem Wasser ragten, an Land. Es war die erste Nacht, die wir nicht auf einem vorbereiteten Lagerplatz, sondern allein in der Wildnis verbringen wollten. Der Ort, an dem wir angelegt hatten, war dafür einigermaßen geeignet, allerdings zog der Wind dort ziemlich zügig durch eine Felsspalte und über das Plateau, auf dem wir unser Zelt aufschlagen wollten. Was nicht in das Bild des „Survival-Duos“ in der einsamen Wildnis passte, war der Blick auf die Kirche und einige kleine Häuser auf der anderen Seite einer kleinen Bucht, an der unser Schlafplatz lag. Doch immerhin sahen wir in der Anwesenheit anderer Menschen eine Chance, eventuell ein Missgeschick, das uns passiert war, zu beheben; ich hatte meine Zahnpasta vergessen und Toms Zahnpasta stand, einmalig von uns benutzt, immer noch irgendwo auf Bärön. Einen Tag ohne Zahnpasta hatten wir ausgehalten, aber eine ganze Woche? Wir gingen also zu einer der wenigen Hütten in der Bucht und fragten nach „toothpaste“. Zwei junge Frauen saßen auf der Treppe und tranken Bier. Als sie uns sahen – ich hatte immer noch meine Schwimmweste an, Tom war mit einem Ruder bewaffnet – wirkten die beiden überrascht, aber sehr gastfreundlich. Sie gaben uns nicht nur eine ganze Tube ihrer Zahnpasta, sondern luden uns auch noch auf ein Bier in ihr Ferienhaus ein. So verbrachten wir die Nacht bei Kartenspiel und Bier mit Isabel, Julia und ihrem Bruder Jåkob. Die Geschwister brachten uns eine ganze Reihe schwedischer Wörter und Sprüche bei. Wirklich hängen blieb am Ende bei uns jedoch nur eine Vokabel: „Skål“ – Prost.
Am nächsten Tag frühstückten wir noch mit den dreien und Isabels zwei kleinen Kindern, bevor wir schweren Herzens und wieder etwas zu spät aufbrachen. Kurz hatten wir überlegt, noch einen oder zwei Tage bei den Geschwistern zu verbringen, doch heute sind wir dennoch froh, weitergepaddelt zu sein. In den folgenden vier Tagen übernachteten wir in einer der schönsten und einsamsten Buchten Schwedens, sahen Elche und Biber in freier Wildbahn, besuchten einen beeindruckenden Autofriedhof bei Båstnäs und vieles mehr. Am vorletzten Tag unserer Reise betraten wir sogar norwegisches Festland (auch wenn sich dort kein Schlafplatz finden ließ). Nach sieben Tagen endete einer meiner schönsten, aber auch anstrengendsten Urlaube. Wir kamen als vorletztes Team in Lennartsfors an, sodass wir nur noch wenig Zeit zum Essen, Duschen und Umpacken hatten. Dennoch schafften wir beide unseren Bus und kamen 20 Stunden später erschöpft, aber glücklich in Köln bzw. Dresden an.
Unsere erste Reise nach Schweden brachte uns viele neue Erfahrungen, vom Aufstellen eines Zeltes auf Moos und Stein über die Nutzung von Klopapier als hervorragenden Grillanzünder bis hin zur Errichtung des eigenen Wald-WCs. Für die Ermöglichung unserer Reise möchten wir uns herzlich bei scandtrack und allen Verantwortlichen bedanken und freuen uns schon auf unser nächstes Abenteuer im Norden.
geschrieben von Max H. am 15.10.2017
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