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Zu Hause auf Zeit ...

Da standen wir nun, zwei Tage Autofahrt durch Deutschland, Dänemark und Schweden lagen hinter uns. Unser Ziel, das Outdoorcamp Höglund am See Foxen in Mittelschweden, war nur noch ca. 200 km entfernt. Die Benzinanzeige blinkte uns traurig mit nur noch einem Balken an, doch die Tankstelle, auf dessen Parkplatz wir standen, bot leider unser benötigtes Benzin, Super 95 mit E5, nicht an. Im Tankstellenhäuschen hatte man uns mitgeteilt, dass Schweden seit ein paar Monaten komplett umgestellt hatte und nur noch E10 führte. Wir waren jedoch der festen Überzeugung, dass mein kleines, in die Jahre gekommenes Daihatsu-Auto kein E10 verträgt. Die Google-Suche brachte auch keine Erleichterung: Motorschäden zu befürchten, Weiterfahren abgeraten. Einige Panikmomente später kam mir die Idee: ein guter Freund meines Vaters ist Mechaniker und kennt sich mit der Automarke sehr gut aus. Also schreckte ich ihn mit einem Anruf an diesem Freitagabend vom Sofa hoch und er beruhigte uns: Ja, der Wagen schafft auch E10. Möglicherweise mit weniger Antrieb, aber das war uns völlig egal. Also vollgetankt und erleichtert ging es weiter unserem Kanu-Urlaub entgegen. Das sollte nicht die letzte abenteuerliche Situation werden.

Am Camp angekommen, fielen uns direkt die großen Busse auf. Anscheinend war es üblicher, mit dem Bus anzureisen als wie wir mit dem eigenen PKW. Es tummelte sich im Camp, viele schienen abzureisen, wiederum viele gleichzeitig anzureisen. Die freundlichen Scandtrack-Mitarbeiter*innen blieben jedoch cool und behielten den Überblick. „Ach, ihr seid das mit der Hütte und dem Feuerholz!“ wurden wir begrüßt. „Eure Unterkunft steht schon bereit.“ Wir hatten die kleinste und günstigste Unterkunft gebucht, weil wir zwar mit dem Kanu rausfahren, aber auch die Möglichkeit haben wollten, abends in ein gemütliches Bett zu fallen und ein kaltes Getränk aus dem Kühlschrank schlürfen zu können. Nach einem Gespräch mit der Leiterin des Camps erhielten wir dann sogar die Möglichkeit, mit Aufpreis auf eine größere Unterkunft namens „Brunos Hütte“ zu wechseln, da diese für die gleiche Woche frei stand. Luxus pur für uns: Eine eigene Trockentoilette und fließendes Wasser aus dem Gartenschlauch!

Unser restlicher erster Tag fiel ruhig aus, wir richteten uns im Häuschen ein und räumten unsere Proviant-Tonne aus. Irre, was daraus alles zum Vorschein kam. Satt werden sollten wir in jedem Fall. Zwei Tage im Auto hatten uns müde gemacht, das mitgebuchte Kanu wollten wir erst am nächsten Tag verwenden. Also endete der erste Tag Kanu-Urlaub früh und zwar eingekuschelt in unsere Schlafsäcke in unserem kleinen zu Hause auf Zeit.

Am nächsten Tag machten wir uns am frühen Nachmittag zu unserer ersten Kanufahrt auf. Wir wollten erstmal testen, wie das so lief. Unsere bisherige gemeinsame Kanuerfahrung bestand aus einer Spazierfahrt auf einem Flüsschen. Das merkten wir auch bald an unserer Spur, die wir hinter dem Kanu herzogen, Schlangenlinien in ihrer Bestform. So richtig hatten wir den Bogen(-Schlag) noch nicht raus, aber der See war ruhig und es wehte kaum ein Lüftchen. So hatten wir schon bald eine kleine Insel erreicht, auf der wir es uns mit einem Picknick gemütlich machten. Der See war so klar und einladend, dass wir einen Sprung ins Wasser wagten. Erfrischend, aber auch eiskalt. Gefühlt 10 Minuten brauchte ich, bis ich mich überwinden konnte, bis zum Hals ins Wasser zu gehen. Wie schön ruhig es hier war. Keine Autos zu hören, nur das Plätschern des Wassers und gelegentlich ein paar andere Kanuten, die vorbeifuhren.

Zurück in unserer Hütte machten wir es uns auf dem Sofa gemütlich und schauten uns YouTube-Videos an: Wie lenkt man ein Kanu am besten? Von Bogen- bis J-Schlag, das klang alles erstmal recht kompliziert. Wir waren aber fest motiviert, unser klägliches Rudern vom Nachmittag nicht zu wiederholen. Also fassten wir den Entschluss: wir wollten für mindestens zwei Tage aufs Wasser, inklusive Übernachtung. Noch am Abend packten wir unsere wasserdichten Vorratssäcke und genug Proviant für drei Tage ein.

Am nächsten Tag kauften wir unsere Naturpflegekarten im Camp. Diese erlaubten es uns, extra eingerichtete und von Rangern gepflegte DANO-Stellen, also Lagerplätze, auf und um den See herum zu nutzen. Auf diesen Lagerplätzen gab es Toiletten, Feuerstellen und Windschutzhütten. Zur Sicherheit kauften wir Karten für zwei Übernachtungen, wer weiß, wie gut uns die Zeit auf See gefallen würde. Wir paddelten also gegen Mittag los, die wasserfeste Karte, die Teil unseres Scandtrack-Paketes war, immer im Blick. Es war fast windstill, die Wasseroberfläche war spiegelglatt. Nach ein paar Übungsschlägen, an die wir uns aus unserer YouTube-Recherche erinnerten, hatten wir tatsächlich den Dreh raus. Wir glitten über den See, die Sonne schien auf unsere Köpfe und wir fühlten uns einfach herrlich. Ruhig, friedlich, entspannt. Doch ungeübte Paddler wie wir, die auch zuhause nicht ständig Arm- und Rückentraining durchführen, ermüden dann ja doch schnell. Also steuerten wir eine Insel an und umrundeten diese, bis wir einen freien Platz mit Feuerstelle fanden. Ein perfekter Platz, mit Blick auf den Sonnenuntergang über dem Wasser.

Dort saßen wir dann auch eine Weile, zündeten ein Feuer an der Feuerstelle an und genossen warmen Wein aus unseren Campingbechern. Da uns die Mücken aufzufressen drohten, hatten wir ein Mückennetz aufgespannt, unter das wir bei Einbruch der Dunkelheit unsere Campingstühle aufstellten konnten. Hier saßen wir noch eine Weile und erzählten uns Geschichten. Hinter uns stieg der Vollmond auf, eine riesige gelbe Kugel, die zwischen den Bäumen hervorlugte. Außer dem Wasserplätschern und Blätterrascheln war nichts zu hören. Was ein Leben…
Am nächsten Morgen gab es ein typisches Camperfrühstück und wir trafen die Entscheidung, eine weitere Nacht auf dem Foxen zu verbringen. Also packten wir unsere sieben Sachen zusammen und machten uns mit dem Kanu auf zum nächsten Ziel. Die Übung der vorherigen Tage machte sich bezahlt. Wir kamen schnell voran und das Paddeln fiel uns wesentlich leichter. Der Weg führte uns auf eine Passage zwischen einer Insel und dem Festland. Ein wenig wie im Amazonas fühlte es sich hier an, rechts und links ragten riesige Bäume und Felsen hervor. Keine Spur von Zivilisation war hier auszumachen, nur die pure Natur.

Am Ende der großen Insel angelangt, fanden wir den idealen Platz für die Nacht vor: Eine kleine Landzunge aus Felsen, die ins Wasser ragte und auf der eigentlichen Insel eine riesige Feuerstelle mit Holzstämmen als Sitzgelegenheit. Hohe Bäume umrahmten einen ebenen Platz, auf dem wir unser Zelt aufschlagen konnten. Einen Haken gab es allerdings: Dies war kein DANO-Platz, worauf uns ein großes blaues Schild hinwies. Ein weiteres Schild erklärte, dass dieser Bereich einem Erbpächter gehörte und seine Gäste Vorrang für die Übernachtung hätten. Würde jetzt, Ende August, denn noch jemand kommen, dem wir Platz machen mussten? Andere Lagerstellen, an denen wir vorbeigekommen waren, waren bereits belegt. Viele Möglichkeiten gab es also für uns an diesem Tag nicht mehr. Wir beschlossen, es zu riskieren, aber unser Zelt erst gegen Abend aufzubauen, wenn weitere Gäste nicht mehr zu erwarten waren. Wir hatten Glück: Niemand beanspruchte den Platz für sich. So bauten wir abends unser Zelt auf und zündeten ein Feuer an. Es war kalt geworden an diesem Abend, ich packte meine Handschuhe und Mütze aus. Doch das Feuer wärmte uns und wieder genossen wir es, an diesem ruhigen und wunderschönen Fleckchen Erde zu sein.

Schon bevor wir uns ins Zelt verkrochen, wurde der Wind spürbar stärker. Die Baumkronen bogen sich im Wind und wir räumten zur Sicherheit alles, was noch draußen herumlag, unter das Vorzelt. Nachts wurde ich dann plötzlich geweckt, der Wind hatte sich zu einem Sturm entwickelt und man hörte die Bäume um unser Zelt herum knacken und ächzen. Ein wenig mulmig war mir schon, nicht dass uns ein Ast aufs Zelt krachte! Mit diesem Gefühl lag ich noch eine Weile wach, doch das Kanufahren hatte mich zu sehr erschöpft, als dass ich die Augen lange offen halten konnte.

Zum Glück konnten wir am nächsten Morgen nach Öffnen des Zelteingangs feststellen, dass alle Bäume noch an ihrem Platz standen und auch sonst nichts zu Schaden gekommen war. Der Wind hatte allerdings nicht nachgelassen und etwas besorgt schauten wir beim Frühstück aufs Wasser. Es waren kleinere Wellen zu erkennen, die keine besonders angenehme Fahrt versprachen. Doch das letzte Brot und die letzte Dose Linsen waren aufgegessen, eine weitere Übernachtung hätten wir nicht ohne großen Hunger hinter uns bringen können. Also machten wir uns auf den Weg. Zunächst schien vor der Landzunge der Insel noch alles relativ entspannt, wir füllten auf dem See unsere Flaschen auf und genossen das kühle und klare Wasser im Mund. Eine der großen Vorteile auf so einem großen See wie dem Foxen: Das Wasser hat Trinkwasserqualität und schmeckt obendrein noch hervorragend.

Als wir um die Insel bogen, kam uns dann die volle Kraft des Windes entgegen. Wir fuhren auf offener Fläche, hier schützte uns nichts mehr. Sehr viel Armeinsatz war hier gefragt und vor allem halfen uns die gelernten Paddelschläge das Boot auf Spur zu halten. Immer wieder sprang das Kanu vorne hoch, wenn es auf eine Welle traf. Wir bewegten uns gefühlt nur Zentimeter vorwärts. Andere Kanuten in der Umgebung schienen genauso zu kämpfen wie wir. Ein Kanu machte direkt nach ein paar Metern kehrt und legte wieder am vorherigen Lagerplatz an. Auch wir mussten eine Pause einlegen, die Arme wurden schwer und vor allem brauchten wir einen Plan. Es lag noch ein gutes Stück vor uns und einen Teil davon mussten wir parallel zu Wind und Wellen fahren. Uns war klar, dass das nicht ungefährlich werden würde.

So steuerten wir eine der Inseln auf unserer linken Seite an. Dort angekommen schleppten wir uns ans Ufer und schnauften erstmal tief durch. Über uns kreiste ein Helikopter und ich hatte das ungute Gefühl, dass er bereits auf Suche nach gekenterten Kanus war. Ich schaute mir die Wetterseite an, die wir als Tipp im Camp bekommen hatten. Windstärke 5 war angegeben, Tendenz steigend. Selbst wenn wir an diesem Tag auf Essen verzichtet hätten, wäre die Chance, am nächsten Tag zurück zur Hütte gelangen zu können, gering gewesen. Also gab es für uns nur eine Entscheidung – weiterfahren. Wir überlegten uns die schlaueste Strecke. Statt die kürzere, aber riskantere Route parallel zu den Wellen zu nehmen, wollten wir ein Stück weit schräg zu den Wellen fahren und dann scharf wenden, um hoffentlich mit dem Wind im Rücken leichtere Fahrt zu haben. Das war schon etwas anderes als auf dem Fluss in unserer Heimat!

Der Plan schien zunächst aufzugehen. Schräg zu den Wellen zu fahren erforderte viel Konzentration, war aber machbar. Wir machten die Wende und mussten feststellen, dass uns das Schlimmste noch bevorstand: Nun kamen die Wellen von hinten und waren dadurch unberechenbar. Das machte das Steuern und auf Kurs halten wesentlich anstrengender und schwieriger. Der Wind blies mit unveränderter Kraft, und oft mussten wir zu zweit auf einer Seite paddeln, um halbwegs geradeaus fahren zu können. Wir riefen uns nur noch kurze Kommandos zu, etwas anderes war im Wind nicht mehr zu verstehen. Doch wir mussten aufpassen, zwischendurch ragten Felsen aus dem Wasser hervor, die durch die Wellen erst spät zu erkennen waren. Immer wieder wurde Wasser ins Kanu gespült und nachdem eine riesige Welle ins Boot schwappte, war uns klar dass wir möglichst schnell an Land mussten. Mit wackeligem, viel zu tief im Wasser liegenden Kanu und jeder Menge Adrenalin im Blut gelangten wir ans nächstgelegene Ufer.

Nach kurzem Aufatmen stellten wir uns die Frage: Boot auskippen, weiterfahren und ein Kentern riskieren? Oder uns geschlagen geben und nach einer anderen Lösung suchen? In der Ferne sahen wir zwei andere Kanufahrende, die auf einer Insel an Land gingen. Auch sie schienen vorerst nicht mehr weiterzukommen. Wir waren auf dem Festland gelandet und von unserem Ziel, dem Camp und unserer Hütte, nicht mehr weit entfernt. Die Entscheidung war getroffen: Wir würden uns der Gefahr nicht mehr aussetzen und übers Festland den Weg zurück ins Camp finden. So öffnete ich Google Maps und machte mich auf dem Weg zu Fuß zur Hütte. Zum Glück war diese nur ein paar Kilometer entfernt. Ich lieh mir im Camp einen Kanuwagen, holte das Auto und fuhr damit zurück zu unserem gestrandeten Kanu. So brachten wir alles zurück.

Als wir endlich mit Sack und Pack wieder unsere Hütte erreicht hatten, fiel uns ein Stein vom Herzen. Wir hatten es geschafft, zwar nicht die ganze Strecke im Kanu, aber dafür sicher und unversehrt. Wir waren kaputt, aber auch stolz auf uns. Und ärgerten uns insgeheim, dass wir während der Fahrt keine Aufnahmen hatten machen können. Später erfuhren wir, dass einige andere Kanus tatsächlich gekentert waren. Zum Glück konnte die Feuerwehr aber alle aus dem Wasser fischen!

Nach diesem Abenteuer ließen wir es für die nächsten Tage ruhig angehen. Das Kanu blieb am Steg, stattdessen erkundeten wir mit dem Auto die Umgebung. Ein Besuch in Gittas Verkstad war genauso interessant und sympathisch wie von Campleiter Jens versprochen. Gittas Mann Peter zeigte uns die schnuckelige Werkstatt mit Webstühlen und Bastelmaterial, in der Schals, Bilder und Schmuck entstehen. Aufgrund des Sturmes war der Strom ausgefallen, aber Peter war unbesorgt. So etwas passiere schon mal, der Nachbar würde zur Not wie sonst auch den Inhalt der Gefriertruhe für sie aufbewahren. Auf dem Land sieht man das anscheinend etwas gelassener. Wir kauften ein paar Kleinigkeiten für uns und unsere Lieben zu Hause und Peter half uns zum Abschied wieder raus aus der verwinkelten Einfahrt.

Am letzten Tag ging es mit dem Auto etwas weiter weg in das Naturreservat Glaskogen. Hier kamen endlich unsere Wanderschuhe zum Einsatz. Der Weg führte uns entlang des Sees Övra Gla durch einen Wald, in dem auch Ronja Räubertochter hätte spielen können. Wir konnten uns nicht sattsehen an all dem Grün, in dem sich bereits der Herbst mit ein paar Farbtupfern ankündigte. Pilze, riesige Steine, Blaubeeren und Moos - ein Paradies für jeden Wanderer.

Da war er auch schon gekommen, der letzte Tag. Wir gaben die Ausrüstung zurück, verabschiedeten uns von Brunos Hütte und machten uns schweren Herzens auf den Heimweg. Hier hätten wir auch gut und gerne noch ein paar Wochen länger bleiben können. Denn unser zu Hause auf Zeit hatte all unsere Urlaubswünsche erfüllt: Schweden, wir kommen wieder!
geschrieben von Sven L. am 15.10.2021
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